Neidisch blickte der Tod in die neun Welten. Egal wohin er blickte, sah er Liebe und Glück. Angewidert rümpfte er die Nase, doch in seinem tiefsten Inneren wünschte er sich eine Gefährtin, mit der er gemeinsam über sein kaltes Reich herrschen konnte. Er kam nur in die Welt der Lebenden, wenn er  Alte und Kranke an ihren Totenbetten abholte. Er wollte endlich das Leben und die Liebe spüren. Ungeduldig ging er auf und ab. Er wollte nicht mehr länger warten, bis der Wächter der Schwelle ihm die Tore der Welten öffnete. Heimlich ritt er auf einem der wilden Stürme, die den Herbst ankündigten, in die Welt der Lebenden. So kam es, dass er durch die Welt der Menschen reiste und auch hier nach einer passenden Geliebten ausschau hielt.

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Eines Tages ging er an einem kleinen Hof vorbei. Der Tod blickte auf und sah, das der Hof Garheris und Deirdre Kincaide, einem jungen und noch frisch getrauten Paar, gehörte.
Neugierig beobachtete er das geschäftige Treiben und erblickte Deirdre, die singend die Stube fegte. Entzückt starrte er sie an. Sie war das blühende Leben. Ihr langes schwarzes Haar duftete nach Sommer und umrahmte ihre üppige Figur. Fasziniert blickte er in ihre Augen, die wie ein warmer Frühlingstag leuchteten. Es war um ihn geschehen. Deirdre sollte seine Königin werden. Aber wie? Er zog sich zurück und ging zum Fluss, dort sah er Garheris, der am Fluss traurig ins Wasser blickte. Der Tod ging zu ihm. »Was grämt Euch?« Erschrocken blickte Garheris auf. Ein schwarz gekleideter Edelmann stand freundlich lächelnd vor ihm. »Sagt, ich kann Euch helfen.« Garheris fasste sich ans Herz, »Ich sorge mich, ob ich immer mit meiner Geliebten zusammen sein werde oder ob der Tod uns frühzeitig auseinander reißen wird.« Der Tod grinste und deutete auf zwei Steine. »Nehmt diese zwei Steine. Schreibt Eure Namen drauf und legt sie heute Nacht ins Feuer. Wenn einer der Steine am nächsten Tag fehlt, ist Euch kein weiteres Jahr gewährt.« Garheris nickte, nahm die Steine und lief nach Hause.
Es dämmerte bereits, Kerzen tauchten die kleine Stube in warmes Licht. Deirdre hatte den Tisch üppig gedeckt. Gemeinsam aßen und tranken sie, erzählten und scherzten. Es war ein schöner Abend. Müde und satt legten sie sich spät ins Bett.
Doch Garheris kam nicht zur Ruhe. Unruhig wälzte er sich hin und her. Deirdre schlief bereits fest neben ihm. Liebevoll betrachtete er seine schöne Frau und strich ihr sanft übers Haar. Leise stand er auf und schlich in die noch warme Stube. Mit zittriger Hand holte er die Steine aus seinem Beutel. Unsicher betrachtete er sie. Sollte er es wagen? Dann nahm er ein Stück Kohle und schrieb mit zittriger Hand ihre Namen drauf. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihm aus, doch er wollte es nun wissen und legte die Steine ins Kaminfeuer.
Die ersten Sonnenstrahlen berührten bereits die fernen Hügel. Eilig lief Garheris zum Kamin. Ungläubig blickte er in die kalte Asche. Deirdres Stein war weg. Weinend brach er zusammen. »Was ist mein Liebster?« »Nichts Liebste!« Garheris stand auf, nahm seine Frau fest in die Arme und küsste sie.
In den folgenden Nächten saß Garheris im Bett. Er wollte nie mehr schlafen und jeden Moment auskosten, denn er mit seiner Deirdre noch hatte. Doch eines Nachts übermannte ihn die Müdigkeit und er schlief ein.
Erschrocken fuhr er hoch, als der Fensterladen scheppernd aufriss und eiskalte Luft ins Zimmer strömte. Entsetzt blickte er auf die Stelle, wo Deirdre zuvor selig geschlafen hatte. Sie war fort. Außer sich lief er nach draußen, rief und suchte sie überall. Doch Deirdre war verschwunden.
Verzweifelt und weinend überquerte er den Fluß. Er wollte auch hier nach Deirdre suchen. Plötzlich stand der freundliche Edelmann, der ihm die Steine gegeben hatte, vor ihm. »Du kannst hier nicht passieren. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.« Garheris verstand zunächst nicht. »Wo ist meine Frau!«, schrie Garheris. »Sie ist bei mir. Sie soll meine Totenkönigin sein!« Wütend sah Garheris den Edelmann an und wollte sich auf ihn stürzen. Doch der Fremde grinste ihn nur hämisch an. Garheris wich zurück und erkannte, dass der Fremde kein Edelmann war, sondern der Tod. Schluchzend und wimmernd brach er zusammen. Der Tod seufzte und kniete sich zu ihm. Mitleid erfüllte ihn, »Höre gut zu Garheris Kincaide. Von nun an darfst Du Deine Frau einmal im Jahr sehen. Ich werde sie Dir in der Dunklen Jahreszeit für eine Nacht bringen. Diese Nacht soll von nun an euch gehören!« Garheris schluckte schwer, wollte aufbegehren. Doch er fügte sich.
Das Jahr verging. Die Dunkelheit eroberte den Tag immer früher, die Nächte wurden länger. Garheris putzte und schrubbte das Haus. Schmückte es und kaufte besonders Gedeck für Deridre. Anschließend kochte er ihre Leibspeisen.
Es war bereits Abend als der Wind durch den Kamin pfeifte und an Türe zerrte. Ein Schatten tanzte an der Wänden. Deirdre war heimgekehrt…..

Der Tod saß auf seinem Thron und sah in die Welt der Menschen.  Er blickte in die Stube von Garheris, der überglücklich mit Deirdre am Tisch saß. Zufrieden lehnte er sich zurück und beschloss, von nun an alle Toten in dieser einen ganz besonderen Nacht zu ihren Liebsten zu lassen.

©Lorelay Lost

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4 Kommentare zu „Der verliebte Tod

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